Orgel

Die Orgellandschaft des Rhein-Main-Gebiets kann nur einige wenige kulturhistorisch bedeutende Instrumente auf weisen, die wie die Orgel der St. Gallus-Kirche eine bald 300-jährige Geschichte haben. 

 

Die Orgel geht in ihren ältesten Teilen wie z. B. dem goldverzierten Gehäuse und einigen   erhaltenen Registern auf den Mainzer Orgelbaumeister Johann Jakob Dahm (1660 – 1727) zurück . Dahm stammte aus Kempenich in der Eifel, hatte in Franken das Orgelbauhandwerk erlernt und war Orgelbaumeister des Mainzer Domkapitels. Im Laufe seines Lebens hatte er u. a. Orgeln für den Mainzer Dom, das Kloster Eberbach im Rheingau und die Weilburger Schlosskirche angefertigt. Sein Schüler, der Schwabe Joseph Gabler, wurde einer der führenden süddeutschen Orgelbaumeister seiner Zeit. Die Orgel der St. Gallus-Kirche ist eines der wenigen noch erhaltenen Instrumente aus der Werkstatt Dahms. Im Jahr 1709 wurde das Instrument für das Frankfurter Karmeliterkloster  mit 22 Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal gebaut. 1748 erweiterte Joh. Christian Köhler das Werk um ein drittes Manual mit 7 Registern. Genau 100 Jahre später (1809) wurde im Zuge der Säkularisation die Orgel nach Flörsheim verkauft. Dies darf als historischer Glücksfall bezeichnet werden, denn das Frankfurter Karmeliterkloster wurde im 2. Weltkrieg durch Bomben zerstört. Wenige Jahre nach der Aufstellung der Orgel in der St. Gallus-Kirche heißt es in einer historischen Notiz aus dem Jahre 1818, dass die Orgel die beste und schönste im Herzogtum Hessen-Nassau sei - neben der damals noch existierenden Orgel im Kloster Eberbach, die ebenfalls von Dahm erbaut worden war.  

            

In den Jahren 1959 bis 1961 wurde das Instrument durch die Orgelbaufirma Paul Ott, Göttingen, restauriert und im barocken Sinn erweitert. Zu den ausgeführten Arbeiten schrieb KMD Eugen Großmann in der Festschrift zum 800-jährigen Bestehen der Pfarrei St. Gallus:


 „Der Zahn der Zeit und vielfach mangelndes Verständnis für barocke Orgeln hatten vieles an der wertvollen Orgel verkommen lassen. Hinzu kam, dass im Ersten Weltkrieg bei der allgemeinen Pfeifenabgabe 1917 auch die Pfeifen des Prinzipal 8’ aus dem Prospekt abgegeben werden mussten. Eine Restaurierung war aus diesen Gründen dringend erforderlich geworden. ...  Die gesamte Orgel musste mit Ausnahme des Orgelgehäuses abgetragen werden. Windladen und das Pfeifenwerk kamen 1959 zur Überarbeitung in die Werkstatt nach Göttingen. Ein langwieriges Unternehmen begann. 1960 kam das Werk nach Flörsheim zurück und konnte auf einem vorher errichteten Stahlgerüst seine Aufstellung finden. Bei der klanglichen Gestaltung hielt man sich an die alte Disposition, die man im Archiv des Karmeliterklosters einsehen konnte, und an die zum Teil noch vorhandenen Pfeifenstücke.“

 

Die geglückte Restaurierung und stilgemäße Erweiterung der Barockorgel wurde in der Folgezeit Ausgangspunkt für ein zunehmend regeres kirchenmusikalisches Leben an St. Gallus. KMD Eugen Großmann veranstaltete Orgel- und Chorkonzerte an St. Gallus, deren Ruf bald auch über die Grenzen Flörsheims hinaus drang. Die jetzige erweiterte Disposition war in Absprache zwischen Orgelbauer und Kirchenmusiker in ihrem Manualumfang von C – g’’’, in ihrem Pedalumfang von C – f’ und in ihrer Registerzahl von den damals 25 Registern auf 39 Register erweitert worden, ohne ihrem historischen Wert Abbruch zu tun. Es wurden nur solche Register zusätzlich disponiert, die das barocke Klangspektrum vervollkommneten. Das Pedal, ursprünglich nur mit vier Registern besetzt und an der rechten Seite außerhalb des Orgelgehäuses in pneumatischer Traktur aufgestellt, wurde in das erweiterte Gehäuse rechts und links nach C- und Cis-Seite geteilt auf neuen Windladen wieder aufgenommen. Die großen Pfeifen in den Harfenfeldern rechts und links im Prospekt der Orgel, die vorher nur aus silberbronzierten stummen Holzattrappen bestanden, sind nun klingende Pfeifen des Prinzipal 16’ und geben der Orgel das nötige klangliche Fundament. Ebenso wurde der Prinzipal 8’ des Hauptwerks, der 1932 an Stelle des 1917 abgegebenen Zinnprinzipals durch Zinkpfeifen ersetzt worden war, durch hochprozentige Zinnpfeifen neu disponiert. Die Traktur der Orgel musste, da sie unbrauchbar geworden war, erneuert werden, ebenso der gesamte Spielschrank und die Spielanlage. „Alles, was von der alten Orgel zu erhalten war, wurde im Sinne der Denkmalpflege so restauriert, dass es für lange Zeit bei entsprechender Pflege und Wartung spielbar bleiben wird.“ (aus Festschrift „1184 – 1984: 800 Jahre St. Gallus“)

 

Weitere klangliche Verbesserungen erfuhr die Orgel 1989 durch die Firma Fischer & Krämer aus Endingen a. K. Die Trompete 8’ des Hauptwerks wurde ersetzt und die acht tiefsten Pfeifen des Prinzipal 16’ im Pedal als offene Pfeifen auf eigener Lade im Pedalwerk angefügt. Darüber hinaus wurde die rückwärtige Gehäuseausführung nun in Massivholzbauweise ausgeführt.
2013 unternahm die Firma Vleugels, Hartheim, eine Ausreinigung und technische Revision, die das wertvolle und herausragende Instrument wieder in voller Schönheit erklingen lässt.

 

Die Orgel besitzt somit heute 39 Register, davon 11 original erhaltene aus dem Ursprungsinstrument von Johann Jakob Dahm, verteilt auf drei Manuale und Pedal. Damit darf sie als größte noch in Teilen erhaltene Orgel dieses Meisters gelten.

 

Der Klang des Instruments besitzt alle Facetten einer außergewöhnlich qualitätsvollen Orgel: er reicht von lieblicher Zartheit der Flötenregister über farbige Solostimmen in den Zungen- und Aliquotstimmen bis zu majestätischer Strahlkraft des Plenums, das den Raum erfüllt. Orgel und Kirchenraum sind hier in St. Gallus eine glückliche stilistisch harmonische Verbindung eingegangen. Dazu trägt vor allem die einzigartige Akustik des Kirchenraumes bei, die insbesondere polyphone Strukturen bis ins letzte Detail hörbar bleiben lässt. Die Qualität des Raumklangs bietet eine wichtige Grundvoraussetzung für musikalisch qualitätsvolle Darbietungen.                 

        Andreas Großmann